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25.05.2020 - Göttliche Gabe: das Gras wachsen hören

Wenn jemand etwas kann, was eigentlich unmöglich ist, muss die Gabe göttlich sein. Denn wer kann schon wirklich das Gras wachsen hören? So dachten jedenfalls die Skandinavier. Für sie war Heimdall der Gott mit den übersensiblen Antennen, der hören konnte, wie das Gras auf der Erde und die Wolle auf den Schafen wächst. Im 13. Jahrhundert wurde er in der Edda verewigt.

Die Helden der Edda

Die Edda war das Liederbuch des 13. Jahrhunderts. Sie umfasst zwei Werke, die ältere und die jüngere Edda. Beide wurden im christianisierten Island niedergeschrieben. Die Edda beinhaltet aber keine Texte. Es sind vielmehr Lieder, die als Sammlungen in der Edda zusammengefasst wurden. Einige der Lieder befassen sich mit germanischen Helden – so beispielsweise dem Hunnenkönig Attila, der auch im Nibelungenlied vorkommt. Die heldensaglichen Lieder sind – wie auch das Nibelungenlied – an Personen der Völkerwanderung geknüpft.

Der Gott mit speziellen Gaben: Heimdall

Einer der Götter, die in der Edda besungen werden, ist der Licht- und Schutzgott Heimdall. Er war ein Sohn Odins und war Hüter der Regenbogenbrücke, die die Welt der Götter mit der der Menschen verband. Da er „weniger Schlaf als ein Vogel (benötigte), (..) bei Nacht wie bei Tag hundert Meilen weit (sieht) und (..) das Gras auf der Erde und die Wolle auf den Schafen wachsen (hört)“, war er prädestiniert für den Job. Heimdall war durchweg positiv besetzt. Sein Gegenspieler war Loki, der voller Tücke war.

Forscher hören das Gras wachsen

Während Heimdall wegen seiner göttlichen Eigenschaften das Gras wachsen hören konnte, mussten sich Wissenschaftler der Universität New York der Hilfe von piezoelektrischen Kontaktmikrofonen bedienen, um zum gleichen Ergebnis zu kommen. Diese Art von Mikrofonen können Druckschwankungen in der Luft in entsprechende elektrische Signale umwandeln und hörbar machen. Ursprünglich geht diese Funktionsweise auf eine Beobachtung von Pierre Curie zurück, der 1880 als 20-Jähriger feststellte, dass sich beispielsweise bei Quarzkristallen die elektrische Ladung verschiebt, wenn man sie zusammendrückt.

Mais, kein Gras wie jedes andere

Das Forscherteam um Douglas Cook von der New York University  hat diesen Effekt 2016 genutzt, um das Wachsen von Maisstengeln hörbar zu machen. Wenn sich die Pflanze ausdehnt, kommt es zu Mikro-Brüchen. „Materialbruch ist wie ein mikroskopisches Erdbeben: Die plötzliche Freisetzung von inneren Spannungen sendet Schallwellen, die in alle Richtungen ausstrahlen“, erläutert Cook. Diese Wellen konnten von den piezoelektrischen Kontaktmikrofonen wahrgenommen werden. Und da Mais zu der Familie der Poaceae, der Süßgräser, gehört, konnte man durchaus sagen, dass Menschen erstmals das Gras wachsen hören konnten.

Die Bedeutung des Ausspruchs heute

Wer ohne ein solches hochspezialisiertes Mikrofon im übertragenen Sinn das Gras wachsen hört, gilt als ein sehr sensibler Mensch, der Vorzeichen und Vorboten erkennt und diese deuten kann. Er gilt als sehr aufmerksam und vorausschauend. Er kann Dinge deuten, die anderen verborgen bleiben. Dass diese Personen mit ihrer Einschätzung daneben liegen können, steht wiederum auf einem anderen Blatt.

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